Steinkammergrab Schalkholz

Die ungewöhnliche Geschichte des Steinkammergrabes vom Schalkholz-Vierth

 

Viele der im Volksmund mit „Hünengrab“ bezeichneten Grabhügel haben im Laufe ihres langen Daseins ein trauriges Ende gefunden. Überstanden sie vielleicht noch die natürlichen, also äußeren Einflüsse durch Regen, Frost, Wind, Tierhufe oder Vegetation, so hat die immer intensivere Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen dazu geführt, dass sie eingeebnet und überpflügt, aus Neugierde oder Profitstreben aufgegraben und grob durchwühlt zurückgelassen wurden. Steinkammern der jüngeren Steinzeit (Neolithikum) wurden oft ihrer großen Steine beraubt und in Fundamenten massiver Bauwerke, wie beispielsweise Kirchen und Brücken, verbaut. Schätzungen zufolge sind über 90% der Megalithgräber bereits seit langer Zeit zerstört.

Auch dem Steinkammergrab vom Schalkholzer Vierth-Hof wäre vermutlich ein ähnliches Schicksal widerfahren, wenn es nach den Interessen des Landmanns J. J. Voß gegangen wäre. Dieser öffnete im Jahre 1876 den auf seinem Hofplatz gelegenen Grabhügel. Vielleicht suchte auch er wertvolle Grabbeigaben oder hatte einfach nur den Wunsch, einen „großen störenden Haufen“ der ihm ständig im Weg war, zu beseitigen; wer weiß? 

Seinerzeit wurden viele Grabhügel unter wissenschaftlichem Vorwand geöffnet und nach vermeintlich Wertvollem durchsucht. Interessante Fundstücke behielt man ein und verkaufte sie später gewinnbringend als stattliche Sammlung. Der Name des Apothekers Fritz Hartmann aus Tellingstedt findet sich zu diesem Thema in der entsprechenden Literatur. Sein Interesse an Heimatgeschichte und dem Sammeln von „Vaterländischen Altertümern“ verhinderte diesmal eine weitere Zerstörung der Grabanlage vom Vierth. Auf seine Initiative hin erwarb der Kreis Norderdithmarschen im Mai 1876 zu einem Preis von 240 Mark den Grund und Boden der Steinkammer, inclusive des Wegerechts. Eine sich anschließende Untersuchung berichtet 1877 von dem Fund zweier Tongefäße, welche bei der Nachgrabung zutage traten.  Diese gelangten zunächst in die Sammlung des Apothekers Hartmann, und ab 1905 in das königliche Museum für Völkerkunde nach Berlin.
  
Die folgenden 90 Jahre nach 1877 war die Kammer vom Schalkholz-Vierth erst einmal vor weiteren Raubgrabungen und Zerstörung geschützt, fristete aber in ihrem halb geöffneten Zustand ein trauriges Dasein. Sie blieb für die nachfolgenden Besitzer der Hofstelle weiterhin ein hinderliches Ärgernis und relativ ungeschützt den elementaren Kräften von Regen und Frost ausgesetzt. 1967 erfolgte eine Neubewertung der bestehenden Situation, im Frühjahr 1970 wurde die Anlage unter erschwerenden Bedingungen durch Eis und Schnee komplett freigelegt und einer umfassenden, wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Bereits 1876 fand sich Keramik der sogenannten Trichterbecher-Kultur, 1970 ein weiterer Trichterbecher, ein Gefäß, verzierte Keramikfragmente, ein Depotfund aus 63 Feuersteinklingen und eine Pfeilspitze. Damit ergab sich mit dem Schalkholzer Ganggrab, vom Typ „Holsteiner Kammer“, in der Summe die umfangreichste Fundmenge dieser Art in Schleswig-Holstein.  

Nach Abschluss aller wissenschaftlichen Arbeiten stand man nun vor der Frage, wie mit der Steinkammer weiter zu verfahren sei. Der Standort war weiterhin ein Hindernis für den alltäglichen, landwirtschaftlichen Betriebsablauf und für interessierte Besucher auf einem privaten Grundstück nur mit Vorbehalt erreichbar. Folglich beschloss man als beste Lösung die Verlegung des Denkmals nach Heide, in die Räumlichkeiten des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Vermutlich lies die Gebäudestatik dieses Vorhaben scheitern, woraufhin man die Steinkammer in die gepflegte Parkanlage unterhalb des Wasserturms platzierte. 

Seit dem 12. November 2021 steht die Steinkammer vom Schalkholz-Vierth nach über 50 Jahren wieder auf Schalkholzer Gemeindegebiet, rekonstruiert unter Federführung des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein und der wertvollen Mitarbeit von Harm Paulsen. Neuer und endgültiger Standort ist nun der nördlich gelegene Kreuzberg, einen Steinwurf von der Straßenbrücke entfernt.
 

© Ralf Sasse, Schalkholt 

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