Zur Dorfchronik von Schalkholz

Ortsbeschreibung von Schalkholz 

Die Ortschaft Schalkholz ist eine ländlich geprägte Geestgemeinde mit rund 600 Einwohnern, im nordwestlich von Hamburg gelegenen Landkreis Dithmarschen, Schleswig-Holstein. Die charakteristische Ortslage auf einer eiszeitlichen Stauchmoräne wird maßgeblich durch die, zumindest für Dithmarscher Verhältnisse, nennenswerten Höhenunterschiede im Dorf geprägt. Zudem unterstreicht eine noch gut erhaltene Knicklandschaft mit sanften Hügeln und ausgedehnten Niederungsflächen den Charakter einer typischen Geestlandschaft. 

Die weite Niederungsebene des „Schalkholzer Eiszungenbeckens“ mit ihren großflächig umfassenden Stauchmoränen dominiert das Landschaftsbild weit über die Ortsgrenzen hinaus. In Verbindung mit dem innenliegenden Hochmoor stellt diese, relativ selten vorkommende geologische Formation eine nennenswerte, topografische Besonderheit in der außerordentlich vielfältigen und von Eiszeiten geformten Naturlandschaft Schleswig-Holsteins dar. Dieses Geotop entstand vor über 100.000 Jahren in der vorletzten Eiszeit, als sich ein Gletscher aus Richtung Osten heran schob, eine U-förmige Stauchmoräne auftürmte, zum Stillstand kam und abschmolz. Es blieb eine mit Wasser gefüllte Senke zurück, welche sich langsam mit Erosionsmaterial füllte und über einen sehr langen Zeitraum durch weiteren Eintrag schließlich vermoorte. Die nur vier Kilometer in nördlicher Richtung entfernte, artenreiche Fluss- und Naturlandschaft der Eider-Treene-Sorge-Niederung bietet einen außerordentlich reizvollen, optischen Kontrast zu der aufragenden Geestlandschaft rund um die Ortschaft Schalkholz; inklusive eines in der Nachbarschaft nahe gelegenen Naturschutzgebietes, dem Dellstedter Birkwildmoor. 

Die ursprünglich auf die Landwirtschaft ausgerichtete Geestgemeinde hat durch noch zahlreich erhaltene, gelbe Lehmziegelhäuser aus der Epoche vor dem ersten Weltkrieg ihr damaliges Erscheinungsbild weitgehend bewahrt. Gleich mehrere Ziegeleien im Ort stellten seinerzeit in Handarbeit Mauersteine her; der anschließende Hartbrand wurde vermutlich mit Torf befeuert, welcher ebenfalls mühsam von Hand aus dem Mooren der näheren Umgebung gestochen wurde und somit vielen Familien sowohl Einkommen, als auch eine warme Stube sicherte. An der historischen Wegekreuzung in der Ortsmitte steht die Friedenseiche von 1871. Das kleine alte Feuerwehrhaus und das Kriegerdenkmal befinden sich unweit dieser Stelle und sind ebenfalls seit langem markante Ortsmerkmale. 

Der Ortsname „Schalkholz“ wird bislang der spätmittelalterlichen, die Natur beschreibenden Namensgruppen zugeordnet, was seit der ersten Erwähnung im Dithmarscher Landrecht von 1447 eine direkte Bestätigung findet. Eine relativ neue, abweichende Erklärung zur Entstehung des Ortsnamens basiert auf der besonderen Topographie des Schalkholzer Eiszungenbeckens. Diese erklärt nicht nur „-Holz“, sondern auch „Schalk-“, was bislang nicht der Fall war. 

Die reichen Schalkholzer Sandvorkommen sicherten der Region seit vielen Jahrzehnten eine ergiebige Quelle für Einkommen und Investitionen. Durch intensivierte, industriell betriebene Ausbeutung neigen sich die nutzbaren Kiesvorkommen allerdings langsam dem Ende entgegen, sodass eine, ganz auf Naturschutz und Tourismus ausgerichtete Nachnutzung bereits in eine aktive Planungsphase eingetreten ist. Indirekt begünstigt werden diese Bemühungen durch die Existenz des sogenannten „Heider Troges“, welcher für rund 55.000 Menschen als wichtigster Grundwasserleiter im westlichen Schleswig-Holstein bewertet wird und sich mit einem kleinen, aber sensiblen Teilstück weit unterhalb des gesamten Schalkholzer Gemeindegebietes befindet. 

© Ralf Sasse 16. April 2018

 

Die Geschichte von Schalkholz

...begann in der vorletzten Eiszeit, als gigantische Gletscher das heutige Schleswig-Holstein mit unvorstellbaren Kräften bewegten und formten. In einer zwischenzeitlichen Warmphase betraten steinzeitliche Jäger und Sammler jene Geesthügel von Schalkholz, die bis heute vom Kiesabbau fortwährend abgetragen werden. In den 1970er Jahren fanden sich dort die Spuren ihrer Anwesenheit.

Mit dem Ausklang der letzten Eiszeit folgte das Zeitalter der Steinzeit, welches später in die sogenannte Bauernsteinzeit mündete. Die Menschen dieser Epoche wurden langsam seßhaft, begannen mit Ackerbau und Viehzucht und errichteten später beeindruckende Grabanlagen. In Schalholz existierte ursprünglich eine beachtliche Anzahl an Steinkammergräbern, von denen leider nur sehr wenige bis in das 20. Jahrhundert überhaupt erhalten blieben. Vielleicht gehörten diese Grabanlagen ursprünglich zu einem größeren Stammesverband oder einer Siedlungsgruppe auf dem östlichen Dithmarscher Geestrücken, welcher ursprünglich aus Süden kommend in den Raum Albersdorf vordrang?

Die ausgehende Steinzeit ging nahtlos in die sogenannte Bronzezeit über, beide Zeitepochen überlagerten sich je nach Region unterschiedlich stark. Beiden gemeinsam ist jedoch eine Bestattungskultur in aufwendigen Grabhügeln, welche ca. 600 Jahre vor Christi Geburt endet. Die lange Epoche der Bronzezeit hat aus kultureller Sicht beispielsweise die Himmelsscheibe von Nebra, sowie die Entwicklung der Handelswege vom Mittelmeerraum bis zur Nord- und Ostsee hervorgebracht; die sogenannte Bernsteinstraße.

Für die nachfolgenden Jahrhunderte ist die wissenschaftliche Erkenntnislage Norddeutsch-lands ausgesprochen dünn. Bedingt durch eine andere Bestattungskultur gelangten in der Folge deutlich weniger Grabbeigaben in den Boden, das Eisen löst die Bronze als Material für Waffen und Werkzeuge ab. Römische Schiffe erkundeten um Christi Geburt die Gewässer der deutschen Bucht, ihre Chronisten verfassen eine erste Beschreibung dieser Küstenlandschaft.

Etwa drei Jahrhunderte später wird das sogenannte Nydamboot in einem Moor im deutsch-dänischen Grenzgebiet als Opfergabe versenkt; zu bewundern im Landesmuseum Schleswig. Zur gleiche Zeit wird das römische Imperium immer schwächer, seine Truppen verlassen um 400 n. Chr. Britannien und ziehen sich dauerhaft hinter die Rhein-Donau-Grenze zurück.

Angeln und Sachsen verlassen ebenfalls ihre angestammten Heimatgebiete nördlich der Elbe und gründen jenseits der Nordsee in Britannien neue, starke Königreiche. In Europa ist die sogenannte Völkerwanderung im vollen Gange.

In Dithmarschen siedelten sich etwa ab 600 n. Chr. erneut sächsische Stämme an und geben Ortschaften wie beispielsweise Tellingstedt vermutlich ihren Namen. Diese Menschen waren Bauern, Krieger und Handwerker und verehrten mit heidnischen Ritualen vermutlich nordische sowie Natur-Gottheiten.

Zwei Jahrhunderte später erobert Karl der Große die westlichen Gebiete zwischen Elbe und Eider. Unter ihm wird das Christentum zur Staatsreligion erzwungen, erste hölzerne Kirchen werden ab 810 n. Chr. in Hamburg, Schenefeld und Meldorf errichtet. Wikinger und Friesen fahren zu dieser Zeit mit der Tide auf Eider und Treene bis nach Hollingstedt, von dort weiter auf dem Landweg bis nach Haithabu. Missionare verbreiteten nun das Wort Gottes auch in Dänemark und Schweden.

Das Mittelalter ist die herausragende Epoche zahlreicher Kirchengründungen in Dithmarschen, diese werden in einer später erstellten Urkunde erstmals für das Jahr 1140 benannt; gegründet wurden einige wenige von ihnen vermutlich aber wesentlich früher. Um das Jahr 1200 entwickelt sich eine selbstbewußte Eigenständigkeit der Dithmarscher, unter anderem begünstigt durch äußere, machtpolitische Umstände und einem florierenden Getreidehandel, welcher dem Land reiche Einkünfte beschert. Aus dieser Dynamik in Richtung Eigenstaatlichkeit erwachsen die ursprünglichen vier Kirchspiele langsam zu bedeutenden und regional eigenständigen Zentren mit weitreichendem Einfluss und weltlicher Macht, die weit über kirchliche Belange hinaus gehen. In den darauf folgenden Jahrzehnten verstärkt sich dieser Prozess erheblich, der die Entwicklung hin zu einer überregionalen Verwaltungs- und Rechtsstruktur den Weg ebnet; dem Rat der 48er „Uppe de Heyde“.

In Folge dieser Entwicklung wird Schalkholz 1447 in der ersten Fassung des Dithmarscher Landrechts erstmalig urkundlich erwähnt. Allerdings nicht als Siedlung, dies geschah erst um das Jahr 1480, sondern als waldbestandener Abschnitt der Norderhamme, welche der Landes-verteidigung diente. Das Dithmarscher Landrecht von 1447 verbot nach § 21 ausdrücklich das schlagen eines Baumes:

„Vortmer efft dar iemant begrepen worde na dessem daghe, dede Hamme howede efte schalkholte stuvede efte jenighe landwere in unsem lande. de schal tegen unse land ghebroken hebben LX lüb. mk.“

Nach der siegreichen Schlacht bei Hemmingstedt im Februar 1500 ist die „Bauernrepublik“ auf dem Höhepunkt ihrer Eigenständigkeit, die noch annähernd sechs Jahrzehnte andauern wird.

1559 kämpften die Dithmarscher in einer letzten Fehde vergeblich um ihre Freiheit. Über die südlich von Schalkholz gelegene Tielenau-Brücke durchbricht ein dänisch dominiertes Heer die Verteidigungslinie der Dithmarscher und erzwingt wenig später die Kapitulation. In den darauf folgenden dreihundert Jahren ist Dithmarschen, und somit natürlich auch Schalkholz, ein von Fürsten abhängiger Teil des Herzogtums Holstein. Bemerkenswert dazu: seit dem Jahre 1560 waren für die nachfolgenden 280 Jahre durchweg nur 17 Bauern- und 4 Katen-stellen für das Dorf verzeichnet, eine nennenswerte Expansion der Siedlung ist demnach ausgeblieben. Vermutlich ließen die begrenzt zur Verfügung stehenden, landwirtschaftlichen Flächen keine höheren Erträge zu?

Nach der Niederschlagung der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1848–1851 beginnt eine wirtschaftliche Erholung, die auch mit einer fortschreitenden Industrialisierung einhergeht. Jahrhunderte alte, bäuerliche Strukturen verändern sich langsam aber unaufhaltsam mit dem Zuzug von Wanderarbeitern, die sich später auch in der Gemarkung Schalkholz ansiedeln und dort sesshaft werden; beispielsweise Nordfeld, Krim, und auch Vierth. Die dem Kirchspiel Tellingstedt angehörende „Bauerschaft Schalkholz“ wird ab 1934 zur „Gemeinde Schalkholz“ umbenannt und erlangt eine gewisse politische Eigenständigkeit.

Die nun vorliegende „Geschichte von Schalkholz“ genügt, strenggenommen, nicht den Kriterien einer seriösen Chronik im reinen, wissenschaftlichen Sinn. Daher war es von Anfang an das erklärte Ziel, der geneigten Leserschaft eine eher bildhafte Vorstellung auch von jenen Zeiten zu vermitteln, wo sich die Erkenntnislage der modernen Wissenschaft oftmals nur fragmental darstellt oder ganz aussetzt. Vor diesem Hintergrund war es daher unumgänglich, hin und wieder in Spekulation auszuweichen. Denn eines ist sicher: auch ohne gesicherten Beweis haben Menschen in der Region in und um Schalkholz gelebt und waren somit auch zumindest ein kleiner Teil der regionalen Geschichte.

Ralf Sasse, im Sommer 2017